09 Aug DIE SUMME DER STADT

CEU Phase 1 – Architekten: O’Donnell+Tuomey – Baujahr: 2016

Es sollte ein klares Signal an Ungarns junge Demokratie sein, als die Open-Society-Stiftung des gebürtigen Budapesters George Soros 1991 ein klassizistisches Palais in Sichtweite der St.-Stephans-Basilika erwarb, um hier die neugegründete Central European University zu etablieren. George Soros, der den Holocaust in Ungarn überlebte, nach dem Weltkrieg dann aber doch sein noch immer unfreies Heimatland Richtung London und später New York verließ, kehrte somit gewissermaßen in seine wieder freie und offene Geburtsstadt zurück und schenkte ihr als einer der reichsten Männer der Welt eine internationale Hochschule.

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1995 eröffnete der sanierte klassizistische Eckbau und daran anschließende Neubau als innerstädtischer Unicampus, dessen Erweiterung immer unumgänglicher wurde, da die Studentenzahlen der mittlerweile international anerkannten Uni stark anstiegen. 2011 gewann das irische Architektenduo Sheila O’Donnell und John Tuomey den Architekturwettbewerb für den neuen Campus am selben Standort. 2016 wurde Phase 1 fertiggestellt.

Campus mitten in der dichten Stadt

Neues Hauptgebäude und neues Gesicht der CEU ist Hausnummer 15 in der Nádor utca, der benachbarte Altbau mit Nummer 13 wurde radikal saniert und zeigt zusammen mit dem Neubau die Idee des Campus: Offenheit. Die insgesamt sieben Bauten und acht Höfe des Unigeländes sollen durch Brandwanddurchbrüche, Passagen und eine begehbare grüne Dachfläche effizient zusammengeführt werden. Entstehen soll eine Stadt in der Stadt bei maximaler Offenheit. Die acht überdachten Höfe übernehmen dabei die Funktion des Campus an sich, womit eine städtische Antwort gefunden wäre für eine Uni, die im dicht bebauten Zentrum einer Millionenstadt liegt und selbst Dichte herstellt. Für Budapest wäre ein für die Öffentlichkeit zugängliches Labyrinth dieses Ausmaßes absolut einmalig. Die sieben Häuser, davon zwei Neubauten, erzählten Budapests Architekturgeschichte, den Durchgängen käme die Rolle des Vermittlers zu.

Da Hausnummer 15 am Ende einer kurzen Gasse liegt, die direkt von der Donau kommt, nutzten O’Donnell und Tuomey die Chance, dem Straßenverlauf hier einen kleinen Knick zu verleihen, als drückte der Wind oder die Wellen des nahen Flusses die Steinfassade nach innen. Ein kleiner Platz entsteht plötzlich vor dem Neubau, der ja Zugang zu einem viel größeren Labyrinth ist. Betritt man das Foyer, findet man sich in einem für Budapest ungewohnt hohen, schlanken Hof wieder. Die Materialien Klinker, Beton und Holz dominieren, ergänzt durch dunkelrot gestrichene Metallelemente und natürlich Glas. Zum umgebauten Altbauhof der Nummer 13 liegt die komplett mit Ziegelsteinen verkleidete Brandwand – nicht im baurechtlichen Sinn, denn sie ist durchbrochen. Hier, an der Schnittstelle von alter und neuer Brandwand, erhebt sich das hohe Hauptfoyer.

Zitate der Stadt

Die Innenarchitektur des Neubaus selbst zeigt makellos geschalte, sich über die drei unteren Geschosse faltende Betonbänder und millimetergenau daran ansetzende Holzelemente. Schnell findet man die intime Wendeltreppe, die die drei Geschosse miteinander verbindet – und fühlt sich erinnert an die Dienstmädchen-Treppen der alten Pester Hofhäuser. Die dunkelroten Brüstungen der Galerien und Gänge in den oberen Geschossen heben sich vor den Wandflächen gut ab und rufen Erinnerungen an Laubengänge hervor, die über Jahrhunderte zur Erschließung Pester Wohnhäuser dienten. Und wenn Uninutzer oder Besucher bei einem Kaffee im Erdgeschoss oder einem Mittagessen im zweiten Obergeschoss immer wieder über die foyerhohe Ziegelwand schauen, erscheinen ihnen sicher irgendwann all die offenen Baulücken, die Budapest bis in die 2010-er Jahre prägten und die gerahmt waren von genau diesem Bild.

Die Iren haben die Stadt sehr genau erkundet und erst dann – zusammen mit ihren Budapester Kollegen vom Büro Teampannon – zum Bleistift gegriffen: der Neubau der Central European University kann so nur in Budapest stehen. Umso erfreulicher, dass er zahlreiche internationale Architekturpreise gewann, erwähnt sei hier lediglich der „Women in Architecture Awards“ für Sheila O’Donnell.

Die zweite Flucht

Es war übrigens auch ein klares Signal an die Uni und seinen Gründer, als die Orbán-Regierung 2017 das ungarische Hochschulgesetz modifizierte, wonach eine zukünftige Vollakkreditierung der Hochschule nur dann möglich wäre, wenn die CEU auch in den USA Lehrbetrieb anbieten würde. Dem kam die Uni zwar nach, aber den Verlängerungsvertrag unterschrieb die ungarische Seite bis heute nicht. Die Uni des als junger Mann aus Budapest geflüchteten Soros musste nun selbst die Flucht nach vorn antreten und verlegte einen Teil seines Lehrbetriebs nach Wien, weswegen auch die weiteren Umbauphasen des Campus ungewiss wurden.

Und es war übrigens das Geld der Soros-Stiftung, das dem jungen Orbán ein Stipendium in Oxford ermöglichte, zu einer Zeit, als Ungarn gerade in die Freiheit und Offenheit ging.

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